PM: Lahner Alm im Ahrntal - Nichterschließung bedeutet Erhalt der Biodiversität

Radio2000 – Interview mit VSB Präsidenten Norbert Dejori

Das Projekt einer Erschließungsstraße zur knapp 2000 m hoch gelegenen Lahner Alm im Naturpark Rieserferner Ahr wurde sowohl von der Dienstellenkonferenz des Landes als auch von den zuständigen Ämtern aufgrund der massiven landschaftlichen Eingriffe in ein fast unberührtes Gebiet mehrmals klar abgelehnt.
Nun soll das Vorhaben durch politischen Druck dennoch realisiert werden. Jüngst nahm der Bürgermeister der Gemeinde Prettau, Robert Steger, als Befürworter des Projekts dazu Stellung (salto, 07.07.2023, RAI Südtirol).
Dessen Aussagen, dass ohne die Bewirtschaftung der Alm „das Gebiet verwildere und eine Versteppung entstehe“ mit „Nachteilen für die Biodiversität“ (salto, RAI Südtirol) sind nicht nur sonderbar, sie entbehren auch jeglicher fachlicher Grundlage.
Nachdem wir Südtiroler Biolog:innen das betroffene Gebiet kennen, wäre die „Verwilderung“ der Lahner Alm aus rein ökologischen Gründen und Gründen der Biodiversität kein „Horrorszenario“, wie es sich anhört, sondern im Gegenteil hier wohl eher zu begrüßen: Es hat sich nämlich gezeigt, dass sich Almerschließungen in der heutigen Zeit meist ziemlich nachteilig auf Landschaft, Lebensräume und Natur insgesamt, d.h. auf Biodiversität, auswirken. Erschließungen solcher Art folgt nämlich fast immer Intensivierung; das bedeutet, die natürliche alpine Flora wird zunehmend zurückgedrängt, sensible Lebensräume wie Moore werden stark gestört, Bergwiesen noch mehr verarmt und triviale Allerweltsarten – rein durch den Wegebau – bis in alpine Bereiche gefördert.
Außerdem: Wir befinden uns in einem Natura2000-Gebiet und der geplante Weg wird durch sensible Lebensräume, allen voran Quellbereiche, Grünerlengebüsch und Hochstaudenfluren – Lebensräume der Flora-Fauna-Habitatrichtlinie und EU-weit unter besonderem Schutz – verlaufen und diese in Teilen zerstören. Immerhin wächst im Bereich des Wegverlaufes die Hochtal-Weide (Salix hegetschweileri), ein sehr seltener Alpen-Endemit, der in Italien nur an wenigen Stellen Südtirols vorkommt und für den laut Rote Liste die Provinz Bozen eine besonders große Verantwortung hat.

Baukosten von 400.000 € volkswirtschaftlich nicht vertretbar.

Die Alm selbst ist darüber hinaus nur begrenzt landwirtschaftlich nutzbar. In den letzten Jahren wurde nur 4-6 Wochen gealpt. Mist kann ohnehin nur auf 0.75 ha Wiese ausgebracht werden. Der Großteil der 1,9 ha großen Bergmahd darf überhaupt nicht gedüngt oder gegüllt werden, weil sie ein ausgedehntes Feuchtbiotop ist und zu nahe an den Gewässern liegt.
Abgesehen davon ist die Alm mit einer Materialseilbahn bereits gut erschlossen und über einen Gehweg in 30 Minuten erreichbar. Der Bau einer 800 m langen, teilweise extrem steilen Zufahrtstraße (34% Steigung) soll rund 400.000 € betragen, finanziert zu 70% aus öffentlichen Geldern.
Es stellt sich hier die Frage, ob die enormen Kosten dieses landschaftlich großen und umstrittenen Eingriffs für eine kleine Alm mit einer derart begrenzten Nutzung überhaupt gerechtfertigt sind, oder ob hier das private Interesse einer Person vor das Gemeinwohl gestellt werden darf.
Oder gibt es vielleicht einen anderen Grund für die straßentechnische Erschließung? Es ist mittlerweile bekannt, dass von österreichischer Seite ein Fahrweg bis zum Joch auf der Lahner Alm gebaut werden soll. Damit könnte, falls auch der Erschließungsweg gebaut ist, eine neue attraktive Mountain-Bike-Route eröffnet werden, mit der Lahner Alm als Biker-Treff.
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Nicht nur aus diesem Grund spricht sich die Vereinigung Südtiroler Biolog:innen gegen die den Bau des Erschließungsweges aus und fordert die Landesregierung auf, dieses Projekt nicht zu genehmigen.

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